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Palliativ care gegen Schmerzen an Geist und Seele

Ein Gespräch mit Mathilde Hohmann: „Palliativ care ist christliche Nächstenliebe“ Mathilde Hohmann ist examinierte Altenpflegerin mit der Zusatzausbildung Schmerzmanagement und Fachkraft für Palliative care im Küpper-Menke-Stift des Diakoniewerks Osnabrück gGmbH. Sie setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass Bewohnerinnen und Bewohner bis zuletzt liebevoll begleitet, angstfrei und möglichst selbstbestimmt leben können.

Mathilde Hohmann
Mathilde Hohmann

Frau Hohmann, Sterben und Tod gehörten schon immer zum Leben in einem Alten- und Pflegeheim. Was ist das Besondere an Palliative care?
Palliativ care bedeutet für mich vor allem, sensibel zu sein. Wir müssen genau hinsehen und hinhören, was ein sterbender Mensch, auch seine Angehörigen, brauchen. Mit dem Thema „sterben“ müssen wir offener umgehen als bisher. Wir müssen darüber sprechen lernen, wir dürfen den Tod nicht ausblenden. Wir müssen die Wünsche des Sterbenden ergründen und darauf eingehen. Sterbebegleitung ist nicht allein die gute körperliche Versorgung. Wenn sich ein Mensch in der letzten Lebensphase befindet, leidet er nicht nur an physischen Schmerzen. Palliativ care berücksichtigt auch die Schmerzen an Seele und Geist. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Schmerzen zu lindern und den Abschied gut zu begleiten: wir müssen uns Zeit nehmen, auf die Persönlichkeit des Sterbenden eingehen, vielleicht ein Gebet sprechen. Natürlich gehört dazu auch die medizinische Versorgung. Niemand muss mit schlimmen Schmerzen und angstvoll aus dem Leben scheiden. Palliativ care sollte nicht nur praktiziert, sondern es muss gelebt werden.    


In jeder der elf stationären Altenhilfeeinrichtungen des Diakoniewerkes gibt es einen Arbeitskreis und übergreifend einen Steuerkreis für palliative Arbeit. Sie sind ‚Frau der ersten Stunde‘ dieser Arbeit, warum?
Das Küpper-Menke-Stift ist seit zehn Jahren ein Vorreiter in der palliativen Begleitung. In unserem Haus arbeiten inzwischen acht Fachkräfte für Palliativ care. Auch in allen anderen Diakonie- Altenhilfeeinrichtungen gibt es Mitarbeiterinnen mit diesem Schwerpunkt. Das müssen wir weiter ausbauen. In den hausinternen Arbeitskreisen treffen sich regelmäßig Mitarbeitende aus allen Bereichen zu Ethikgesprächen, Fallbesprechungen und zur Erstellung von Verfahrensanweisungen, denn jeder Bewohner und jede Bewohnerin ist einzigartig und möchte auch so wahrgenommen werden.
Im Steuerkreis für palliative Arbeit geht es um ein einheitliches Konzept der Sterbebegleitung. Wir möchten aus Problemen lernen, Erfahrungen austauschen und Handlungsstrategien entwickeln. Palliativ care ist allerdings weit mehr als eine Arbeitsstrategie. Palliativ care verändert die Mitarbeitenden und die Einrichtung, Palliativ care ist ein Prozess, keine kurzfristige Maßnahme.

Hat Palliativ care in einer diakonischen Einrichtung ein besonderes Gewicht?
Eindeutig ja. Der schützende Mantel (=palliativ) ist unser diakonischer Auftrag. Wir sollten durchaus unser christliches Profil schärfen. Palliativ care ist christliche Nächstenliebe. Das gilt natürlich nicht nur für sterbende Menschen und Angehörige christlichen Glaubens. Jeder Mensch wird unabhängig von Religion, Kultur und Herkunft respektvoll begleitet. Dazu gehören Sensibilität und Achtung der spirituellen und geistlichen Wünsche.

Wie ist diese Sensibilität an Demenz erkrankten Bewohnerinnen und Bewohnern entgegen zu bringen?
In der Tat leben immer mehr Menschen in unseren Einrichtungen, die an Demenz erkrankt sind. Bei Palliativ Car ist es unsere Aufgabe, immer wieder auf’s Neue zu erarbeiten, was wir diesen Menschen in ihrer letzten Lebensphase Gutes tun können. Dazu gehört das Gespräch mit den Angehörigen, die Biografiearbeit. Wie hat er oder sie gelebt, war bevorzugte der Mensch, was verabscheute er? Aus diesen Fragen lernen wir ihn kennen und können entsprechend handeln. Demenzerkrankte zeigen ihre Not anders. Wir müssen nur genau hinsehen.
Allerdings kommen immer mehr Menschen in die Altenpflegeeinrichtungen, die sich bereits in der letzten Lebensphase befinden. Sind keine Angehörigen da, wird diese Kennenlernphase sehr schwierig.

Sie sagten, dass über Sterben und Tod offen gesprochen werden sollte. Auch in einem Altenheim? Auch mit den Mitbewohnern und -bewohnerinnen?
Das ist sogar ganz wichtig. Die Zeiten, in denen der Tod eines Bewohners möglichst verschwiegen wurde, sind Gott sei Dank vorbei. Jeder Verstorbene wird in einem Ritual verabschiedet. Es gibt Kerzen und Blumen, eine Andacht, es wird über den Verstorbenen gesprochen und jede Bewohnerin und jeder Bewohner hat die Möglichkeit, sich zu verabschieden. Wir zeigen, dass der Tod zum Leben gehört.

Sie sprechen über Biografiearbeit und das häufig mühsame Ertasten der persönlichen Bedürfnisse in der letzten Lebensphase. Können Vorsorgevollmachten diese Arbeit erleichtern?
Eine Vorsorgevollmacht und der erklärte Wille, wie das Leben zu Ende gehen soll, ist die größte Sicherheit, dass alles so geschieht, wie zu Lebzeiten festgelegt. Vorsorge ist vorausschauende Palliativ-Arbeit. Mit einer Vorsorgevollmacht oder der Patientenverfügung werden den Angehörigen auch belastende Entscheidungen abgenommen. Vorsorge ist Verantwortung für sich und andere. Uns in der Altenhilfe lässt die Vorsorge mehr Raum für Zuwendung und Begleitung.  

Das Interview mit Mathilde Hohmann führte Bärbel Recker-Preuin.  Die DiakonieStiftung Osnabrücker Land unterstützt die palliative Arbeit in diakonischen Pflegeeinrichtungen.